Diabetes - Über Unwissenheit und Unsichtbarkeit

Diabetes habe ich schon...mein Leben lang. Naja, nicht ganz, aber so kommt es mir zumindest vor. Denn eigentlich habe ich erst (oder soll ich sagen „schon“?) mit 10 Jahren Diabetes bekommen, aber an die Zeit davor kann ich mich nicht wirklich erinnern. Vermutlich wurden meine letzten Erinnerungen daran bei irgendeiner Hypo ausgelöscht. ;)

Übe die Jahre hinweg hat sich in der Diabetes-Therapie viel getan und verändert. Vieles ist einfacher geworden. Eines hat sich allerdings nicht merklich verändert, und zwar das Wissen der Öffentlichkeit über Diabetes. Gerade im Zeitalter von Internet, wo der Informationsfluß quasi unerschöpflich ist, sollte man meinen, dass dort die ein oder andere wichtige und vor allem richtige Information über Diabetes kursiert. Es gibt viele Vorurteile und auch Fehlinformationen, die uns Diabetikern das Leben nicht unbedingt einfacher machen. Ich persönlich habe vor allem oft an der Unwissenheit zu knapsen, der ich fast täglich begegne. Hier mal ein paar meiner Lieblings-Beispiele:

Du hast Diabetes? Merkt man gar nicht!“Tja, was soll man darauf bitte antworten? Wie soll man es auch merken, schließlich habe ich mir das nicht auf die Stirn tätowiert. Obwohl, das wäre vielleicht eine Idee…“Cranky Panky“.Sollte man so eine Aussage nun als Kompliment auffassen? Ich messe im Schnitt 7 Mal am Tag meinen BZ, gebe Daten in meine Insulinpumpe und eine App ein, und niemand merkt das? Tja, dann mache ich die Diabetes-Sache wohl gut?! Aber Diabetes besteht nicht nur aus Messen und Spritzen, was Nichtdiabetiker vielleicht noch mitbekommen könnten. Da gehört eine Menge mehr dazu, wovon Außenstehende so gut wie nichts merken. Diabetes ist ein Fulltime-Job und beschäftigt uns Zuckerköpfe den ganzen lieben langen Tag.

Bevor ich etwas kaufe, checke ich erst mal die Kohlenhydratangaben auf der Verpackung, anstatt die Ware einfach in den Einkaufswagen zu werfen, und überschlage schon mal grob, wie viel Einheiten ich spritzen muss. Manchmal denke ich, dass die Leute mich deswegen anstarren weil sie glauben ich würde die Kalorienangaben überprüfen, aber dann doch die Schokolade, Kekse und anderen Süßkram in die Einkaufstasche stopfen. Kein Wunder, dass das bei der mit dem Abnehmen nicht klappt“ höre ich sie flüstern. Den wahren Grund kennen sie nicht.
Die ständige Müdigkeit!
Na, wieder zu lang aufgeblieben gestern Nacht, zu tief ins Glas geschaut?“ Nein, mein Blutzucker ist einfach nur gerade übelst hoch und ich fühle mich, als hätte mir jemand eins mit dem Nudelholz übergezogen. Sorry, das kann natürlich keiner wissen. Diabetes ist ja unsichtbar! Mr Invisible halt.
Wenn mich jemand den Blutzucker messen sieht, werde ich oft gefragt, ob das nicht schmerzhaft sei. Klar merkt man das, aber was soll ich tun? Bei jedem Pieks in den Finger laut „Aua“ schreien? Gleiches Spiel beim
Spritzen oder Katheterwechsel. Wir Diabetiker sind offenbar Meister im Unterdrücken und Verstecken. Meine Taschen sind voll von Traubenzucker (den würde ich gewiss nicht freiwillig mit mir herum tragen) und anderem Süßkram. Auf Fremde macht das vielleicht einen verfressenen Eindruck. Dabei will ich doch einfach nur im Fall der Fälle so schnell wie möglich aus dieser elendigen Hypo heraus kommen. Liebe Leute, seid also froh, dass ich den ganzen Kram dabei habe. Ansonsten würde ich euch vermutlich im Hypowahn die Augen auskratzen. Ist also nur zu eurem eigenen Schutz. ;)

Woran man noch merken könnte, dass ich Diabetes habe? Restaurants werden danach ausgewählt, ob sich Light- Getränke auf der Speisekarte befinden. Nein, das ist selbst heut zu Tage, in Zeiten von Diäten und Ernährungsmythen, leider immer noch nicht selbstverständlich. Gerade in Österreich hat meine geliebte Cola Light auf vielen Speisekarten noch immer keinen Einzug gefunden.
Hosen ohne Gesäßtaschen werden übrigens auch nicht gekauft (finde ich eh hässlich und überflüssig). Schließlich muss ich doch meine Pumpe irgendwo verstauen.

Was du hast gestern wieder keinen Sport gemacht? Du faules Stück!“ Hallo? Die Diabetes Sau (so nenne ich meine Diabetes) hat mich leider daran gehindert. Versucht mal mit einem hohen oder niedrigen BZ Sport zu treiben. Viel Spaß...!

Ich könnte noch endlos weiter schreiben. Und das ist auch der Grund warum ich blogge. Nicht nur, weil ich gern schreibe und mich mit anderen Diabetikern über unser aller „sugar coated lifes“ austauschen möchte. Nein auch, weil ich gerne ein wenig aufklären und Vorurteile (Diabetiker sind alle dick und dürfen keinen Zucker essen, sehr beliebt) beseitigen möchte. Und vielleicht treffe ich dann irgendwann auf einen Menschen, der zum Thema Diabetes mehr zu sagen hat als: „Diabetes? Das hat meine Oma auch!

 

 

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